Jul 112019
 

Tagesbericht: Max

Heute begann der Tag ungewöhnlich gewöhnlich: Alle 15 Teilnehmer*innen (davon 3 Frauen) bestiegen ohne Ausnahme die fahrplanmässig vorgesehenen S-Bahnlinien, keine Zugsausfälle, keine Verspätungen und trafen sich spätestens in Luzern. Die Weiterfahrt mit der Zentralbahn führte über den Brünig nach Meiringen. Ab hier überwanden wir ca. 700 Höhenmeter mit dem Postauto. 

Unser Ausgangspunkt der Wanderung lag beim ehrwürdigen Belle Epoque Hotel Rosenlaui, das 1904 als Nachfolgegebäude des 1864 durch einen Brand zerstörten Kurbads (mit Schwefelquelle) erstellt wurde. Durch einen Erdrutsch wurde dann die Quelle verschüttet; damit endete 1912 die Heilbadepoche für den Hotelbetrieb abrupt. Infolge Berichterstattung durch Reiseschriftsteller (Goethe, Tolstoi, Nietsche) hatte der Ort aber einen Bekanntheitsgrad erreicht. Der Übergang von Grindelwald über die grosse Scheidegg zum Rosenlauigletscher bot viele Naturschönheiten an. Beliebt wurde zudem der Weg nach Meiringen, weil es da keine unüberwindbaren Hinternisse zu bewältigen gab.

Auf den Aussenplätzen des Hotel – Restaurant Rosenlaui geniessen wir nach der Postautofahrt die wärmenden Sonnnstrahlen und lassen uns mit Café, Gipfeli und feinem Zopf verwöhnen. Fredi hat uns danach einen ersten Tageshöhepunkt eingeplant: Nur in ca. 100 m Entfernung befindet sich etwas weiter oben der Eingang zur Gletscherschlucht – eine Sehenswürdigkeit, nicht nur für Naturfreunde! Ermöglicht wurde die Erschliessung des engen Taleinschnittes (Gletscherabfluss) durch den Südtiroler Kaspar Borg, der schon 1903 bereit war, einen Weg neben den tosenden Wassermassen zu erbauen. Ein Besuch des Rosenlauigletscher – Wasserabfluss verspricht uns die Kombination optischer und akustischer Phänomene, wie auch das Wahrnehmen von ausgespülten Felsformationen, Gletschermühlen, Strudelwirkungen, Wasserkräften, aufgeführt mit entsprechender, „dramatischer Begleitmusik“, wobei das alles unmittelbar miterlebt und empfunden werden kann. 

Mit dieser Vorahnung inspiriert, folgen wir Fredi, der uns obendrein auch noch den Eintrittspreis gespendet hat. Neben dem ansteigenden Weg kommen wir der Wasseraustrittöffnung bei der senkrecht abfallenden Felsformation immer näher – wir erfahren, dass 2 – 6 m3 Wasser jede Sekunde hier zutage tritt. Nun werden die Stufen immer steiler und wir treten durch einen Felstunnel in die innere Schlucht ein. Aus Texten auf Orientierungsstafeln erfahren wir, dass für das Wegprofil 22000 Sprengungen à je 2.5 kg Dynamit zur Anwendung kamen. Nach oben wie auch nach unten werden ausgespülte Felsformationen, gebildet durch den Wasserlauf, mit riesigen Höhendifferenzen, sichtbar. Massive Geländerkonstruktionen schützen vor Abgründen und lassen eine gewisse Sicherheit aufkommen. Der Schallpegel, verursacht durch die stürzenden Wassermassen, ist enorm. Die Dunkelheit im Schachtlabyrinth wird etwas durch die Wegbeleuchtung verdrängt. Aber weit über der Wasserrinne scheint wohl die Sonne, die keine Düsterheit aufkommen lassen will. Wir müssen immer wieder innehalten – nicht nur, weil die Stufen sehr hoch sind, nein – jeder Augenblick lässt uns das alles zum Erlebnis werden. Nach geraumer Zeit verlassen wir das Labyrinth und sehen beim Ausstieg, wie weit wir uns über der Talsohle befinden. Auf einem lichten Waldweg steigen wir wieder zum Ausgangspunkt hinunter. 

Nun beginnt eigentlich erst die Tageswanderung – mit einem Aufstieg nach der Schwarzwaldalp, etwa 80 Meter höher gelegen. Der durch die wunderschöne Alpenflora führende Kiesweg lässt uns dabei sehr seltene Alpenblumen erblicken. Der hochgewachsene Türkenbund befindet sich in einer farblich abgestimmten und harmonisch beeindruckenden Pflanzenvielfalt. Da wird der Wunsch geäussert, dass von den Pflanzenarten bei jeder Wanderung nur wenigstens eine neue erkannt und beim Namen benannt werden müsste! So kann der eigene Reichtum auf eine andere Art vermehrt werden – nämlich in einer qualitativen Hinsicht.

Die Schwarzwaldalp (1455 m.ü.m) wird mit dem Postauto von Meiringen erschlossen – hier befindet sich die Endstation. Trotzdem warten wir hier auf eine andere Transportverbindung, die aber über eine mit Fahrverbot belegte Bergstrecke nach der grossen Scheidegg (und danach hinunter nach Grindelwald) führt. Der Kurs wird nur wenige Male pro Tag mit einem Postauto angeboten. Das ermöglicht uns bis zur Weiterfahrt eine Verpflegungspause. Die Einen finden den Weg ins nahe gelegene Restaurant – die Andern durchsuchen ihre Rucksäcke nach den mitgebrachten Gaumenfreuden. 

Über die schmale Bergstrecke werden wir durch eine Chauffeuse gefahren, die ihr Job gekonnt ausführt. Auf dem Pass (Grosse Scheidegg, 1962 m.ü.m.) verlassen wir den Touristenbus. Leider sind die aufsteigenden Nebelschwaden Sicht behindernd und lassen die umliegenden, hohen Berge nur in kurzen Blickfenstern erhaschen. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Wetterhorn – wenn die Spitze die Sicht frei gibt, sehen wir wie gross der Berg in Erscheinung tritt. Beinahe senkrecht muss sich der Blick erheben, wenn wir uns an den Felsplanken emportasten wollen. Etwas weiter südlich steigt die Eigernordwand aus einem Nebelloch. Daneben befindet sich der Grindelwaldgletscher. Wir aber steigen zum First der grossen Scheidegg auf und müssen uns um 180° drehen, um weiter die sich öffnenden, nebelfreien Zonen auf die Bergwelt, zu nutzen. Nun scheint die ganze Flora eine rötlichen Stich abzubekommen; das Alpengewächs setzt sich aus verschiedenen, niederen Büschen und Sträuchern zusammen. Darunter befinden sich kleine Föhrenarten, Erika- und Heidelbeergewächs, aber eben auch die Landschaft bemalenden Alpenrosen, die nun voll in ihrer Blüte stehen. So sind sie unsere treuen Begleiter auf dem Höhenweg zurück nach der Schwarzwaldalp. Auch die Rinder, denen die Sömmerung auf diesen herrlichen Matten zuteil kommen wird, schauen interessiert unserer Wandergruppe mit Neugier entgegen. Auf den schmalen Alpwegen lassen sie dann den Dung liegen und es ist uns überlassen, wie wir die fliegenübersäten Fladen überwinden lernen. Nun hat sich eine Nebeldecke gebildet, die alle Berggipfel einzuhüllen droht. Unser Vorstellungsvermögen wird nun gefordert: Gegenüber liegt das Wetterhorn und die Engelshörner. Schon ihre Konturen würden uns beeindrucken können. So bemühen wir uns der Phantasie und freuen uns an den sichtbaren Alpenweiden. Am Ende des Höhenweges gönnen wir uns eine weitere Verpflegung aus dem Rucksack, dann führt uns der Weg wieder hinunter.

Nur selten sind Wanderer anzutreffen, die Kühe und Rinder mit und ohne Hörner sind aber allgegenwärtig. Sie versperren uns den Weg, indem sie ihn liegend queren – unser Nahen stört sie nicht! So steigen wir über sie hinweg, so wie es eben geht. Trotzdem kommen wir weiter und es liegt noch „ein Auftanken“ in der Brochhütte drin (1505 m.ü.m.). Trotz vergangenen Regenschauern ist unser Weg meist gut begehbar, den wir nun über Matten und Felder, aber auch durch Wälder fortsetzen. Bei Gschwandenmaad erreichen wir wieder die Strasse, direkt bei einer Postauto – Haltestelle. Sie liegt unterhalb von Rosenlaui und schon 5 Minuten nach unserem Eintreffen werden wir die bequeme Talfahrt mit dem Postauto nach Meiringen antreten. 

Wieder zurück in der „zivilisierten Welt“ finden wir beim Bahnhof noch genügend Sitzgelegenheiten in einer Gartenwirtschaft, wo wir den Tag mit allfälligen Gelüsten nach Süssem abschmecken können. Die Zentralbahn führt uns in ca. 70 Minuten nach Luzern, wo wir gleich einen Anschlusszug nach Zug / Zürich besteigen können. Nach einer hochinteressanten Wanderung ohne Regen, mit vielen Eindrücken bereichert, möchten wir uns bei Fredi wiederum herzlich bedanken. Alle, die nicht teilnehmen konnten, haben sicher einen wunderbaren Tag mit vielen Höhepunkten verpasst. Fredi wird uns aber auch weiterhin mit seinen Wanderungen zu anderen interessanten Zielen führen – besten Dank zum voraus!

Fotos: Jörg, Werni, Annelies, Hane

 

Karte 1. Teil

Karte 2. Teil

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