Jun 052018
 

Tagesbericht: Max Müller

Eine 14 – köpfige Wanderfamilie bestieg erwartungsfroh den Zug von Zürich HB nach Kandersteg – auch dieses Mal bei sonnigem Wetter. Dieser Zug ist stark belegt mit Berufsleuten, die fast ausschliesslich in ihre PCs oder Handys starren. Und wir als Touristen bedienen uns einfach des Gesprächs. Wir sind für den Schallpegel im Zug verantwortlich – die andern schweigen. Motto: Zeiterscheinung oder Abschottung als Generationenproblem? Eine auffallende Erscheinung, die es zu überdenken gilt. Kontakte beleben und können Freude bewirken. So lebt auch unsere Gruppe von den Begegnungen. Also fahren wir mit der SBB zu immer neuen Zielorten, die uns gemeinsame Erlebnisse erfahrbar machen. Naturschönheiten erwecken Lebensfreude – schön, dass das auf unseren Wanderungen immer wieder zu erleben ist.

In Bern heisst es umsteigen – im Zug nach Kandersteg sind wir vollzählig; nochmaliges Umsteigen in (privaten) Reisebus nach Selden, das zuhinterst im Gasteretal liegt. Die Erlebnisse des heutigen Tages beginnen mit der Fahrt auf der steil ansteigenden Naturstrasse – fast wie in Nepal, wo die Strassenführung auf Felskonsolen mit abschüssigen und schroff aufsteigenden Felspartien bei der Durchfahrt des Busses eine Staublawine hinterherzieht. Die herausgesprengten Tunnels mit hervorragenden Steinabbrüchen meistert unser Fahrer hervorragend – trotz beinahe gleichem Profil des Busses zur Durchfahrtsöffnung der Tunnels! Es fehlen auch die Querrinnen zum Strassenprofil nicht. Ein uns alle überraschendes Erlebnis, und das in der Schweiz. „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne das Glück begreifen, denn das Glück ist immer da. (Goethe). Neben uns tost die spätere Kander den steilen Katarakt nach Eggeschwand hinunter. Auf der Anhöhe treffen wir eine Auenlandschaft beim Hotel Waldhaus an. Hier treffen zwei Täler aufeinander; das eine führt zum Daubensee, das andere ist eben „unser Gasteretal“. Wir fahren weiter nach Selden. Interessantes zeigt sich uns an der einigen hundert Meter hohen Felswand, die der Strasse gegenüber liegt. Ein grosser Wasserfall entspringt aus einer grösseren Felsöffnung – mitten in einer senkrechten Wand. Wir raten, wie das Phänomen zu erklären sei. Ein Entlastungsstollen von einem Stausee? Später erfahren wir, dass es eine natürliche, im Fels drinnen verlaufende Wasserader sei, die sich hier beim Austritt zeigt. 

Weiter hinten im Tal auf 1540 müM nimmt die „Schüttelfahrt“ ein Ende. Zwei Bergwandererunterkünfte und einige weitere Bergbauten sind hier lose auf dem ansteigenden Hang gebaut worden. Bis ca. Mitte Oktober sind sie zum Teil bewohnt. Fredi hat hier eine freiwillige Zusatzschleife für Schönwetterwanderer mit einem Anstieg zur Heimritzhütte eingeplant (1650 müM). Von hier öffnet sich das Tal zum Kanderfirn, der sich aber weiter zurückgezogen hat. Auf der kleinen Bergterrasse erfreuten wir uns am verdienten Café unter dem Sonnenstoren der „Berghütte“, denn der Himmel zeigt sich ohne Wolken. Der Wirt, der auch Vater und Bauer ist, besitzt 6 Kühe, einige Schafe und Hühner. In ca. 10 Tagen würden weitere 350 Kühe, Kälber und Schafe zur Übersömmerung eintreffen. Sie sind jede Woche im riesigen Gebiet der Alpweiden zu kontrollieren, aber es gebe auch Verluste von rund 10% der Herde pro Sommer. Jeder Aufstieg zur Herdenzählung sei mit ca. 3 Stunden einzuplanen – ein Rundgang beanspruche den ganzen Tag. 

Wir verabschieden uns vom kommunikationsfreudigen Wirt und treten unseren langen Abstieg, dem Bachbett der Kander nach, an. Die Alpenflora leuchtet uns mit ihrer Blumenpracht entgegen. Über verschiedene Stege wechseln wir die Talseiten – jedes Mal wird das Bachbett breiter. Im tiefen Tal sehen wir nur die Vorkreten der umliegenden, hohen Berggipfel (z.B. Doldenhorn (3638 M), gegenüberliegend das Balmhorn (3698 M). Unter uns liegt der neue NEAT – Tunnel nach Visp. Ein moderater Abstieg durch kleine Auenlandschaften führt uns in eine Ebene, wo ein Grossteil der Bäume abgeknickt und umgeworfen sind. Wie ist das nur möglich? Kenner unter uns vermuten eine Staublawine, die im Winter über die grosse Felspartie vis à vis heruntergestürzt sei. Ein trauriger Anblick, wenn man bedenkt, wie lange es in einem Bergtal braucht, bis sich der Wald wieder regenerieren kann. 

Wir nähern uns dem Hotel Waldhaus, wo wir unseren Durst löschen können. Die Terrasse bietet genügend Platz, denn am heutigen Tag sind trotz Sonnenschein nur wenige Wanderer anzutreffen. Unsere „alten Stammwanderer“ Köbi und Franz fühlen sich gut und haben auf dem Weg nach unten keine Probleme mit Tempo und behindernden Körpersymptomen. Aber der steile Abstieg steht auch ihnen noch bevor, denn wir begeben uns nun in die Schluchtpartie der nicht mehr so jungen Kander. Auf dem Weg nimmt das Rauschen des Wasserlaufs stetig zu, sodass Hans sich bemühen muss, einen Telefonanruf noch verstehen zu können. Über uns kreist ein „Riesenvogel“, der nahe seinem Horst unter einem Felsvorsprung seine „Runden“ dreht. Ist es ein Adler oder ein Bartgeier? Wer auf der Wanderung bei Sigriswil dem Ornithologen am Hängebrückenkopf gut zugehört hat, der weiss, dass es ein Bartgeier sein muss. Das wurde auch durch einen zufällig anwesenden Wildhüter bestätigt.

Nun gings bergab! Die Kander umspülte mit grosser Geräuschkulisse die im Flussbecken liegenden Felsbrocken. Auf dem neben der Strasse angelegten Wanderweg kamen wir dem Flusslauf sehr nahe. Beeindrucken kann ein Wasserfall durch seine Wucht und sein Tosen, das hier die Intensität des bekannten Rheinfalls anzunehmen schien. Das Naturschauspiel muss selbst erlebt werden – die Worte können das nicht zum Ausdruck bringen. 

Wir erreichten die ruhigeren Zonen der Kander als wir Eggeschwand vor uns sahen. Klares Wasser in einem flachen, aber schon breiten Bachbett begleitete uns bis nach Kandersteg. Hier verabschiedeten wir vier Wandermitglieder, die den Heimweg antraten. Unser Ziel führte uns aber noch zum Blausee, ein auf ca. 900 müM gelegenes Fels- und Gletschersturzgebiet (vor ca. 15000 Jahren), in dem das Grundwasser gestaut wird. Es wird nicht von der in der Nähe vorbeifliessenden Kander gespiesen. Das kristallklare Wasser ist gegenwärtig 6° C warm – in ihm tummeln sich viele grosse Forellen. Eine Fischzuchtanlage sorgt für das Erneuern der Forellenbestände. Eine geführte Ruderschifffahrt ist im Eintrittspreis enthalten. Ein Restaurationsbetrieb liegt direkt über dem Seebecken. Shop, Museum und ein Hoteleriebetrieb mit Spa / Wellnessbereich sowie Chaletsuiten ergänzen die privat geführten Anlagen. Wir genehmigten uns hier einen Abschlusstruck / „heisse Liebe – Cup“ bevor wir die Heimreise antraten. Mit dem Postauto nach Frutigen, dem Zug nach Bern und in einem nicht klimatisierten Zugswagen „genossen“ wir bei Sommertemperaturen die Heimreise nach Zürich.

Es war wiederum ein erlebnisreicher Tag, den uns Fredi ermöglicht hat. Herzlichen Dank für deine unermüdlichen Vorbereitungsarbeiten und deine Anwesenheit mit umsichtigen Erklärungen der Reiserouten in den schönsten Landschaftsstrichen der Schweiz. Wir haben in dir nicht nur einen hervorragenden Reiseleiter sondern auch einen umsichtigen Organisator von gemeinsam erlebten Eindrücken. 

Karte

Fotos Werni

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