Apr 232017
 

Tagesbericht von Max Müller vom 25. April

Der Sechseläutenböög hatte gestern sein Leben schon nach zehn Minuten verwirkt – was auf eine Beendigung des Winterwetters hindeuten müsste. Die gegenwärtigen (aktuellen) Wetterprognosen lassen keinen Zweifel aufkommen: Ein neuer Wintereinbruch steht unmittelbar vor der Tür – also kaltes Wetter mit Schneeschauern bis in die Niederungen! Trotz einer verzweifelten Selbsteinschätzung in Abwägung der Wettervorhersage entschliessen sich 10 Unerschütterliche zur nordöstlich des Ägerisees verlaufenden Höhenwanderung. Und: Der Föhn macht’s möglich – bei unserer Ankunft in Unterägeri lässt uns der Blick in die weiss verschneiten Berge gewahr werden, dass wir richtig entschieden haben. Gut gelaunt verlassen wir hier den Bus – die Haltestelle befindet sich direkt vor der Bäckerei Brändli. Fredi: Deine Planung hat wirklich ins Schwarze getroffen, damit hast du unsere heimlichen Wünsche zu Beginn einer Wanderung nach Kaffee und Gipfeli voll begriffen.

Gestärkt verliessen wir das sympathische Café und machten uns für den ersten Aufstieg bereit (Diretissimo zum Gratweg, ca. 200 Höhenmeter), der uns zum ersten Aussichtspunkt mit Panoramasicht auf Glarner- und den Urner- Schneebergespitzen führte. Wald- und Feldwege leiteten uns an Höfen mit bellenden Hunden vorbei, aber auch Besenbeizen, die wir beherzt (d.h. mit einem lachenden und einem weinenden Auge) links liegen liessen. Beim ersten Stundenhalt auf 1050 m.ü.M. wurde uns die Sicht auf den ganzen Ägerisee frei.

Und noch ein „wichtiges Ereignis“ ist erwähnenswert: Die Aussicht auf Hansruedi Wettsteins neuem Rucksack lässt uns an Ogis Ausspruch erinnern: Freude herrscht! Der Besitzer begrüsst unsere Anteilnahme unumwunden. Auch an unseren Rucksäcken durften wir jetzt Freude haben, denn sie gaben uns die erste Verpflegungsration frei. Nach der anschliessenden Wanderkartenstudie und dem Abgleich mit den mitgeführten GPS-Geräten wurde der Weg Richtung Gottschalkenberg / Raten aufgenommen, der uns über sehr gut begehbare – finnenbahnähnliche – Wald- und Feld- Routen führte. Da Regenschauer auf den Nachmittag angesagt waren, wurde erwogen, dass keine definitive Mittagstisch – Reservation im Restaurant Raten vorzunehmen sei; damit wurde die Option offen gelassen, dass wir uns allenfalls erst später – und wieder aus dem Rucksack verpflegen würden. Nun begann es schon etwas zu feuchten, auch wenn noch kein Regenschutz angezogen werden musste.

Je mehr wir uns dem Ratenpass näherten, desto mehr zeigte sich eine Opposition betreffend Entscheid „durchwandern oder Mittagessen im Restaurant Raten“. Die Entscheidung wurde uns auf eine Weise ohne unser dazutun abgenommen, weil wir die, an die Eingangstüre des Lokals festgehaltene Notiz vorfanden: Heute geschlossene Gesellschaft! Nun versuchte es Werni trotzdem – seine Rückkehr und seine Haltung der Niedergeschlagenheit haben uns jede weitere Hoffnung auf eine Mittagsverpflegung im Gasthaus vergessen lassen. Was uns blieb, waren die Behandlungen von Wundverpflegungen vor Ort, die sich bei zwei Teilnehmern als Hilfsmassnahmen aufdrängten.

Beim nächstgelegenen Ziel St. Jost, ca. 20 Minuten ab Raten weiter südlich gelegen, fanden wir unseren Mittagsrastplatz; hier befindet sich eine kleine Kapelle und eine kleine Bergbeitz auf 1150 m.ü.M. Sie wird aber  nur an Wochenenden betrieben. Gerne benutzten wir die vorhandenen Einrichtungen – Gartenbänke und -Tische dienten unseren Ansprüchen nach Sitzgelegenheiten. Dabei wurden die restlichen Essensmitbringsel aus dem Rucksack geplündert. Hans Lüscher freute sich nach seiner „währschaften Kost“ schon hier auf den baldigen Zvieri – Zugerkirschtorte oder heisse Liebe! So nahmen wir den Abstieg nach Morgarten – Schornen unter die Füsse. 

Wiederum führte uns das Ende der heutigen Wanderung an einen historischen Ort: Morgarten. Am 15. November 1315 kämpften hier die Eidgenossen (Waldstätter und Schwyzer) gegen Herzog Leopold von Habsburg, den sie in einen Hinterhalt lockten. Die Fakten der Auseinandersetzung sind nicht eindeutig belegt; es ging um Machtansprüche, die zwischen den Innerschweizer Kleinbauernbetrieben und deren Landnutzungsansprüchen, sowie dem Kloster Einsiedeln, die den wirtschaftlichen Anspruch für ihren Grossviehbetrieb über ihre Lehensvögte geregelt sehen wollten. 1314 wurde das Kloster von den freiheitsliebenden Schwyzern geplündert, das ihre Landnutzungsflächen durch die mit den Habsburgern verbandelten Klostermächtigen bedroht sah. Diese Reibereien gipfelten mit dem Durchzug der verbündeten „Habsburger Streitmacht“, die von Zug durch das Ägerital nach Sattel zog. Diese Drohgebärde wurde an der strategisch gefährlichen Stelle zwischen See und Felsgürtel entschieden, wo jedes Abkommen vom Weg ein Versinken in den Moorgebieten bedeutete. Genau das war die Absicht der Freiheitskämpfer, als sie mittels „rollenden Baumstämmen“ diese Passage zerstörte. Berittene, sowie Begleittross des Herzogs wurden so vernichtet. Die genaueren Umstände dieses Befreiungsschlags kann man vor Ort in der Gedenkstätte Schornen, die zum Anlass der 700-jährigen Gedenkfeier errichtet wurde, vor Ort einsehen.

Als wir diesen Ort erreicht haben, setzte der angekündigte Niederschlag ein. Wir flüchteten in den Unterstand des nahe gelegenen Restaurants – leider war es wieder einmal nicht zugänglich – Wirtewechsel und Umbauphase! Unser Entschluss war schnell gefasst: Einmal Brändli – immer Brändli. Die Bäckerei hat es uns schon am Morgen angetan und wir bestiegen den Bus nach Unterägeri. Ein kleiner Dämpfer mussten wir trotzdem verkraften: die Glacekarte war noch nicht erstellt und die heisse Liebe blieb als Traum bestehen. Anstelle des Eisbechers trat die Zugerkirschtorte, die aus dem „einheimischen Schaffen“ hervorging. Schon bald konnte das Café keine Kirschtortenstücke mehr anbieten – sie befanden sich allesamt in den sich freuenden Wandererbäuchen!

Der Rest des gemeinsam erlebten Tages ist schnell erzählt: Busfahrt im Anhänger einer Komposition bis zu Bahnhof Zug. Aufteilung der Gruppe, die mit einer S – Linie direkt nach Birmensdorf fuhr und der EC – Schnellzugsverbindung nach Zürich, deren ich angehörte. Leider sind diese hochtechnisierten Zugskompositionen so problematisch, dass eine nicht automatisch funktionierende Türöffnung ein grösseres Tohuwabuho auslösen kann. Der einfahrende Zug, aus Mailand kommend, brauchte längere Zeit, bis die blockierten Türen sich öffnen liessen. Danach konnten sie sich auch nicht mehr schliessen lassen und der Zug hatte bald 20 Minuten Verspätung aufzuweisen. Beim Abendverkehr kann es in der Folge leicht zu weiteren Problemen mit abzuwartenden Geleisefreigaben kommen. Zürich erreichten wir mit ca. 30 Minuten Verspätung.

Fredi: Wiederum herzlichen Dank für deinem Mut, diese Wanderung trotz den z.T. negativen Vorzeichen durchzuführen. Auch dieses Mal durften wir eine wunderbare Wanderung miterleben, die den mühsamen und möglichen Kleinkram berücksichtigte – vielen Dank.

Fotos Werni, Föns, Hane

 

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